Neuer Versuch
Lyrania zügelte hart ihr Pferd, nur um ihm anschließend entschuldigend auf den schweißnassen Hals zu klopfen. Gehetzt warf sie einen Blick nach hinten und anschließend einen unsicheren Blick nach vorn. Vor ihr gabelte sich der Weg. Links geht es zur größten Hafenstadt der Insel, Utwell und rechts ins Landesinnere. "Was mach ich nur, Schattenläufer?" sagte sie leise und strich diesmal sanfter über Schattenläufers grauen Hals. Nervös strich sie ihr langes, schwarzen Haar zurück, das ihr nun in wirren Locken ins Gesicht hing, statt wie sonst mit einem strengen Zopf gebändigt zu werden. Schattenläufer schnaubte nur und scharrte mit dem Huf. Da sie die Zügel locker gelassen hatte, setzte er ein paar Schritte vom Weg weg in das Dickicht hinein. Lyrania nickte "Du hast recht, wir sollten nicht auf offener Strasse ausruhen." und liess ihn weitergehen. Der Wald, durch den sie grade gehetzt waren, strahlte einen Frieden aus, der nicht recht zur ihrer Gemütsverfassung passen wollte. Sie schloss für einen Moment erschöpft die Augen, beugte sich weit über den Hals ihres Pferdes und ließ ihn einen sicheren Weg durch den Wald finden. Um sich herum hörte sie das zaghafte Zwitschern der Vögel, die den aufkeimenden Frühling begrüßten, roch die feuchte Erde und das Moos. Langsam wurde ihr Atem ruhiger, sie hieß die Ruhe und den Frieden willkommen. Dann hörte sie ein Plätschern und öffnete ihre Augen wieder. Vor ihr floß ein kleiner Bach mitten durch den Wald. Sie blickte zurück, auf der Straße war immer noch niemand zu sehen. Schattenläufer legte einen Schritt zu und senkte den Kopf mit einem freudigen Schnauben in das kühle Wasser. Lyrania seufzte "Das hattest Du also im Sinn. Kein schlechter Einfall." Mit einem eleganten Schwung stieg sie ab und verlor sofort auf dem Boden angekommen, die Kontrolle über ihr Beine. Völlig erschöpft fand sie sich im Uferschlamm des Baches wieder. Sie zischte wütend, sobald sie wieder zu Atem kam. Schattenläufer schüttelte den Kopf und gab dieses Schnauben von sich, das in Lyrania schon immer den Verdacht aufkeimen ließ, daß Pferde doch lachen können, auch wenn ihr Vater sie deshalb immer belächelte. Das bewahrte sie davor, die Fassung zu verlieren. Mühsam stand sie wieder auf und begutachtete ihr ehemals blaues Kleid. Der feine Leinenstoff hatte schon vorher unter der unsanften Behandlung, der er während dieses Tages ausgesetzt worden war, gelitten. Nun wies er auch noch nahezu überall braune Flecken auf. Knurrend beugte Lyrania sich hinunter zum Bach um den Schaden zu begrenzen, aber das einzige, was sie erreichte war, daß sich der Schlamm mehr verteilte und ihr durch die Nässe auch noch kalt wurde. Schattenläufer schüttelte prustend den Kopf und trank weiter in langen Zügen. Lyrania war ihm einen scharfen Blick zu und machte anschließend ihre eigenen Bemühungen wieder zunichte, indem sie sich ans Ufer kniete und selber aus vollen Händen trank. Als ihr erster Durst gestillt war, bemerkte sie ihr Spiegelbild und seufzte. Sie stand auf, lehnte sich an Schattenläufer und sagte "Zumindest wird mich niemand mehr für die entlaufene Tochter eines Adligen halten, schätze ich." Sie grinste "Und besser getarnt bin ich in schlammbraun im Wald wohl auch." Schattenläufer hob den Kopf und blickte sie mit seinen klugen schwarzen Augen an. Dann drückte er bestätigend seine Kopf in ihre Hand.
Plötzlich hob Schattenläufer aufmerksam den Kopf und spitzte seine Ohren in die Richtung aus der sie gekommen waren. Alamiert sah Lyrania zurück, nahm dann Schattenläufer am Zügel und legte ihm dabei ein Hand auf die Nüstern um ihn davon abzuhalten einen Ton von sich zu geben. Diesen Trick hatte sie ihm für die Jagdausflüge beigebracht. Schattenläufer war ein sehr gelehriges Pferd, ihr Vater hatte sie immer gescholten, daß sie ein Zirkuspferd aus dem Hengst machen würde. Die beiden gingen rasch und leise noch ein Stück bachabwärts um auf einer steinigen Stelle wieder an Land zu gehen. Lyrania flüsterte "Wenn wir jetzt losreiten, finden sie uns bestimmt. Unsere beste Chance ist, uns hier zu verstecken. Runter!" befahl sie und drückte energisch mit ihrem Körper gegen Schattenläufers Brust. Der große Hengst mit dem Fell in der Farbe des Meers an einem stürmischen Tag verstand sofort und ließ sich auf dem Boden nieder. In dieser Postition würden Schattenläufer und sie nicht so leicht entdeckt werden, außerdem wußte der Hengst, daß er nun keinen Laut mehr von sich geben durfte. Trotzdem ließ Lyrania ihre Hand auf den Nüstern des Hengstes ruhen, zum einen um durch den ruhigen Ryhthmus seines Atems ihre eigene Ruhe wiederzufinden und zum Andren weil sie nicht sicher war, was er tun würde, wenn er einen seiner Stallgefährten witterte.
Sie hockte sich neben Schattenläufer und drängte sich an ihn um zu vergessen, daß sie fror und allein auf der Flucht war. Die Straße konnte sie im Blick behalten, sorgte sich allerdings, daß auch sie so leichter zu finden war. Aber es war zu spät - ein Trupp von 5 Reitern und 2 Hunden hielt schon an der Stelle, an der sie vor einigen Minuten gestanden hatte. "Oh Nimbereth, was soll ich nur tun?" dachte Lyrania als sie sah daß die Jagdhunde an der Stelle im Kreis liefen um ihre Fährte wiederzufinden. Sie war zwar Bachaufwärts gelaufen, um die Hunde zu verwirren, wurde sich aber immer sicherer, daß sie eine weitere Strecke hätte zurücklegen sollen. "Du kannst es nicht ändern, es war eh nicht mehr Zeit." sagte sie sich immer wieder. Dann dachte sie wieder an Meisterin Nimbereth, die einfach sich einfach mittels Magie verbergen könnte.
Das war einer der Zauber, die sie mit Lyrania ständig geübt hatte, weil sie der Meinung war daß sie so am einfachsten an ihre magische Kraft kommen würde. Lyrania schloß die Augen und dachte kurz lächelnd daran, wie die Meisterin mit ihr in der Burg ihres Vaters Verstecken spielte wie die Kinder. Dabei hatte Lyrania aber mehr gelernt neue Versteck zu suchen und sich in Schatten zu verbergen als ihre Magie anzuzapfen. Jede dieser Übungen hatten mit ähnlichen Worten geendet: "Mach Dir nichts daraus, meine Liebe. Bei manchen dauert es einfach länger, das zu meistern. Man muß einfach Geduld haben. Wie auch immer Dein Vater das jemals geschafft hat, Geduld ist ja nun nicht wirklich seine Stärke." Lyrania konnte Nimbereths leises Lächeln fast vor sich sehen. Sie wußte wie er es geschafft hatte - niemand widersetzte sich Ornulf Brandir für längere Zeit - auch nicht etwas so diffuses wie Magie. Schattenläufer riß sie mit einer heftigen Kopfbewegung aus ihren Gedanken. Der Trupp war schon am Bach, die Hunde rannten bachauf- und abwärts um ihre Spur wieder zufinden. Es war nur eine Frage der Zeit, bis das geschehen würde. Lyrania holte tief Luft. Was schadets, dachte sie, schloß wieder die Augen und fing an, sich zu konzentrieren. "Wenn ich euch nicht sehe, seht ihr mich auch nicht." wiederholte sie im Geiste immer wieder und versuchte, wie von Nimbereth gelehrt, ihre Panik und jegliche andren Gefühle zu unterdrücken. Wie immer konnte sie allerdings die Geräusche die in ihre Ohren drangen nicht ignorieren und hörte die Männer ihres Vaters näher kommen. Panik stieg in ihr auf, Angst vor der Magie, die Gewißheit daß sie es wieder nicht schaffen würde. Das wahlweise enttäuschte oder wütende Gesicht ihres Vaters, der nicht verstand wie ihr etwas so schwer fallen konnte, was ihm immer zugeflogen war. Die Panik kroch langsam von ihrem Magen in die Brust, umkrampfte ihr Herz, fand auch den Weg in Arme und Beine, bis sie völlig verkrampft an Schattenläufers graues Fell gepresst war, als wolle sie in ihn hineinkriechen.
In der Sekunde, bevor sie auf Schattenläufers Rücken springen und einen letzten verzweifelten Ritt wagen wollte, war es, als würde ein Damm in ihrem Kopf brechen und sie spürte das, was Meisterin Nimbereth immer wieder versucht hatte, ihr zu beschreiben, von dem sie aber auch immer meinte, daß sie es erst verstehen würde, wenn sie es erlebte. Es schien als würde die Magie, die so lange in ihrem Innersten verschlossen gewesen war, durch sie hindurchfliessen. Sie trat aus sich heraus und sah die Szenerie von oben. "Nimm etwas, was Du schon einmal gesehen hast, und was gut in die Umgebung paßt." hörte sie Nimbereth in ihrem Ohr murmeln. So überzog sie Schattenläufer mit dem knorrigen Wurzelwerk einer riesigen gefallenen Eiche und ihrem eigenen Körper gab sie das Aussehen eines bemoosten Steines.
Die Hunde hatten mittlerweile schon ihr Versteck erreicht und bellten freudig und aufgeregt. Joalla, die erfahrenste Jagdthündin, die ihr Vater hatte, schleckte sogar begeistert über ihr Gesicht. Oft war Lyrania in ihrer Begleitung durch den heimischen Wald geritten, und nun verriet sie ihre Herrin. Warum hatte der Zauber doch nicht funktioniert? fragte sich Lyrania und wollte ihn schon lösen. Doch da kam der Hauptmann der Wache mit dem Jagdmeister um die Ecke geritten. Hauptmann Garol runzelte die Stirn. "Was hat die Töle denn nun wieder? Das soll ihr bester Jagdhund sein? Findet einen Stein, statt eines kleinen Mädchens." Verächtlich schnaubend wendete er seinen Rappen, und sagte noch "Jagdmeister Jerwel, wir reiten direkt nach Utwell. Wo will so ein kleines Gör schon hin. Ein Wunder, daß sie es überhaupt so weit geschafft hat." bevor er sich mit seinen Männern endgültig wieder zurück auf den Weg begab.
Meister Jerwel allerdings stieg ab und sah seine beste Hündin nachdenklich an. "Joalla!" rief er leise und sie und ihr ältester Sohn kamen sofort folgsam zu ihm zurück. "Was hast Du da nur gefunden?" fragte er, während er in die Hocke ging und ruhig ihre Ohren kraulte. Er sah sich die Wurzeln der Eiche und den kantigen Stein, der direkt daneben lag genau an. Er blickte sich vorsichtig um und flüsterte dann "Lyrania? Bist Du hier? Ich versteh, daß Du niemanden traust. Das wird Dein einziger Schutz sein in der nächsten Zeit. Ich hab etwas für Dich, von einer guten Freundin." Er erhob sich, nahm einen kleinen Beutel aus seiner ledernen Tasche und legte ihn vorsichtig neben den Stein. Dann drehte er sich rasch um, stieg auf sein Pferd und ritt im raschen Tempo den Wachleuten hinterher. Am Bach hielt er kurz inne und pfiff nach den Hunden, die verwirrt an Ort und Stelle geblieben waren und sich nun eilig auf den Weg machten um ihrem Meister zu folgen. Lyrania starrte hinter dem Meister und seinen Hunden her, bis Schattenläufer, mittlerweile ungeduldig geworden, heftig gegen ihre Hand prustete. Das kitzelnde Gefühl löste ihre Konzentration und sie wurde abrupt zurück in ihren Körper gezogen.
Heftig begann sie zu atmen, und versuchte ihren verdrehten Körper wieder zu entspannen.
Personen/Orte:
Lyrania Tochter des Grafen von X
Nimbereth Meisterin der Magie und Lehrer von Lyrania
Schattenläufer Lyranias Hengst
Hauptmann Garol Hauptmann der Wache des Grafen
Jagdmeister Jerwel Jagdmeister des Grafen
Ornulf Brandir Graf von X
Utwell größte Hafenstadt von X
Joalla Jagdhündin